
Meinungen von Fachleuten
> Praktische Bewährung
der Methode Schroth von Th.Hansen, Bremen
(Aus Z. Orthopädie 114 (1976) 462-464. F.Enke Verlag, Stuttgart)
Meine Beurteilung der Methode Schroth gründet sich auf zwei Erfahrungen:
1. Meine „leibhaftige“ persönliche Erfahrung während einer 14-tägigen
Kur in Sobernheim. Ich habe zwar nur eine geringfügige Skoliose, konnte
aber durch das intensive Training nach dieser Methode meine Wirbelsäulenfehlhaltung
kompensieren und eine dadurch bedingte schmerzhafte lumbale Insuffizienz
bis heute rezidivfrei zur Ausheilung bringen.
2. Meine Erfahrungen an bisher über 150 Patienten, die ich aus meiner Praxis
seit 1971 zur Kur nach Sobernheim schickte und seither mit wenigen Ausnahmen
in konsequenter Nachbehandlung und regelmäßiger Kontrolle weiter beobachten konnte.
Um Fehlinvestitionen und Enttäuschungen möglichst zu vermeiden, wurde die Auswahl
dieser Patienten nach folgenden Kriterien vorgenommen:
Tabelle I
Patientenindikation.
1. Soma
a) Jugendliche:
Mittlere bis schwere Haltungsschäden, Adoleszentenkyphose, Morbus Scheuermann,
Idiopathische Skoliose
b) Erwachsene:
Kyphosen und Skoliosen mit schmerzhafter Muskelinsuffizienz
2. Psyche
Charakter
Kooperative Eistellung
B. Umweltindikation
1. Eltern – Familie
2. Krankengymnastin
3. Arzt
In der Person des Patienten liegen somatische und psychische Indikationen.
Somatisch:
a) bei Jugendlichen: Mittlere bis schwere Haltungsschäden, Adoleszentenkyphose,
Morbus Scheuermann, idiopathische Skoliose aller Stadien
b) bei Erwachsenen: Kyphosen umnd Skoliosen mit schmerzhafter Muskelinsuffizienz
Psychisch:
Nach eigener Definition wendet sich diese sogenannte dreidimensionale
Skoliosebehandlung ausdrücklich an die geistigen und seelischen Bildekräfte
der Persönlichkeit und versucht, die körperlichen Übungen mit der Kraft
der Imagination zu intensivieren. Dieser Prozeß einer seelisch-geistig-körperlichen
Kausalkette ist uns aus der psychosomatischen Medizin sowohl in pathogenetischer
wie auch umgekehrt in therapeutischer Richtung geläufig. Wem drängt sich
nicht - man denke nur an das berühmt-berüchtigte Schlagwort - „wir atmen
den Buckel weg“! - der Vergleich auf mit den bei uns in den letzten Jahren
immer populärer werdenden Methoden östlicher Atemtherapie, des Hatha-Yoga
wie auch des westlichen autogenen Trainings.
Daher mußte sich die Auswahl der Patienten wesentlich auch nach ihrer
charakterlichen Eignung und kooperativen Einstellung richten. Es hat
sich gezeigt, daß gerade davon die praktische Bewährung dieser Methode
entscheidend abhängt.
Eine weitere sehr wichtige Gruppe von Faktoren liegt aber außerhalb der
Person des Patienten selbst, in seiner Umwelt: die Eltern (bzw. bei Erwachsenen:
die Familie ) müssen ebenso kooperativ sein und das tägliche Training
fördern und bestätigen, möglichst garantieren.
Eine mit dieser Methode gut vertraute Krankengymnastin muß in zumutbarer
Nähe vorhanden sein, die die Korrektur und Konsequenz kontrollieren kann
und - last not least - , auch der behandelnde Arzt sollte die Methode
kennen, sie mit seiner ganzen Persönlichkeit intendieren und dauernd
bestätigen.. Dazu gehören vor allem die regelmäßigen sachverständigen
Verlaufskontrollen.
Von der Gesamtheit der nun schon über 150 Fälle, die ich seit 1971 aus
meiner Praxis nach Sobernheim schickte und von denen ich glaubte, daß
all diese Indikationen erfüllt waren, konnte ich für unser heutiges Thema
44 idiopathische jugendliche Skoliosen aussortieren, die von Herbst 1972
bis Ostern 1975 insgesamt 1 – 3 Kuren absolvierten und bis heute in meiner
regelmäßigen Kontrolle stehen.
Tabelle II
Jugendliche idiopathische Skoliosen, 1972 bis 1975
Gebessert 10
Unverändert 17
Progredient 8
Insgesamt 44
Es handelt sich um ein- bis dreibogige Skoliosen mit Winkelgraden der
Primärkrümmung zwischen 10 und 80°. Nach dem Kriterium der im Röntgenbild
gemessenen Krümmungswinkel nach Cobb waren davon bisher gebessert 19,
unverändert 17 und weiter progredient 8.
Natürlich sagt diese Statistik für sich gesehen noch nicht viel: sie
müßte weiter aufgeschlüsselt werden - und das wäre vielleicht den Fleiß
eines Doktoranden wert - und dann mit entsprechenden Statistiken über
andere konservative Methoden der Skoliosetherapie verglichen werden -
, falls es solche überhaupt schon gibt.
Tabelle III
Bewährung
1. Skoliosewinkel
2. Äußere Haltung: Erscheinungsbild
3. Innere Haltung: Beherrschung von Körper und Schicksal
Die praktische Bewährung bedeutet aber nicht allein die Aufrichtung oder Veränderung des Skoliosewinkels im Röntgenbild. Sie bedeutet mindestens ebenso die äußere körperliche Erscheinung des Patienten, seine Leistungsfähigkeit und nicht zuletzt die subjektive Beherrschung seines Körpers und seines Schicksals. Und hier beeindruckt es mich immer wieder, ebenso wie die Eltern der Jugendlichen, oft schwer zugänglichen Patienten, mit welcher Konsequenz diese jungen Leute nach der ersten Erfahrung in Sobernheim diese Methode zu Hause tatsächlich über Jahre hin fortsetzen. Das kann man in manchen Fällen wirklich als eine Charakterveränderung bezeichnen, die man neben der Veränderung der Skoliosewinkel gewiß nicht übersehen sollte.
Schlußfolgerung:
Das beste Instrument leistet nur etwas in der Hand des Meisters, der
es auch beherrscht.
Nach meiner Erfahrung ist die Methode Schroth ein solch wertvolles Instrument,
das bisher allerdings leider nur Frau Lehnert-Schroth selbst und einige
wenige bisher von ihr persönlich ausgebildeten Krankengymnastinnen beherrschen.
Als Standardmethode an den Krankengymnastikschulen gelehrt, würde sie
sicherlich einer weit größeren Zahl geeigneter Patienten zugute kommen
und in unserem Indikationsgebiet rechtzeitig eingesetzt vielleicht manches
Milwaukee-Korsett und sogar wohl auch den einen oder anderen Harruington-St5ab
überflüssig machen können.
Dr. Thomas Hansen, Sonnenbergstr. 2, Bremen
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